Der Sieger berichtet von der RUND UM

Die 63. RUND UM ist beendet – hier schildert der Sieger Veit Hemmeter, wie er die Fahrt durch die Nacht erlebt hat:

 

Am 31.05.2013 um 19.30 Uhr fiel der Startschuss zur 63. Auflage der Nachtregatta „Rund Um den Bodensee“- eine der neben der „Boldor“ am Genfer- und „Centomiglia“ am Gardasee sowie der„Kekszalag“ am Balaton wichtigsten und grössten Langstreckenregatten auf Binnenseen. Der Kurs führt im Uhrzeigersinn von Lindau nach Romanshorn, über Eichhorn (Konstanz) nach Überlingen und wieder zurück nach Lindau- ca. 100km direkt gesegelter Kurs. 348 Teilnehmer hatten gemeldet, was zwar immer noch fern der im Jahre 2000 erzielten Bestmarke von über 500 Booten lag, dennoch, aufgrund des zu den letzten Jahren vergleichweise steigenden Meldeergebnisses und der besonders frühen Jahreszeit, zufrieden stimmte. Schlussendlich gingen in Folge der miserablen Wettervorhersage 278 Schiffe an den Start von denen am Ende nur 102 die Ziellinie vor Lindau erreichten.  
Dies lag primär an den sehr widrigen Bedingungen mit Starkregen und Windstärken bis 7Bft.  Die Mannschaft bestand mit Ausnahme des Eigners Ralph Schatz aus einer Gruppe ehemaliger und aktueller Tornadosegler. An Bord waren Nico Lutz, Niko Mittelmeier, Florian Loweg und Veit Hemmeter. Unser Boot ein Katamaran der Klasse SL33- also 33ft lang- ist mit der aktuellen Mast-/Segelkonfiguration eigentlich für Windbereiche bis 15kn konstruiert, weswegen wir bis dato auch noch nie bei höheren Windgeschwindigkeiten gesegelt waren. Das Boot befindet sich seit dem Jahr der Taufe 2010 in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess der erst in dieser Saison nach langer Vorbereitung ein Herantasten an die konstruktionsbedingten Limits erlaubt hatte. Insofern betraten wir an der RUND UM auch betreffend der Bootsentwicklung Neuland.
Neben dem offiziellen Wetterbericht Meno Schraders beim Wetterbriefing (der sich am Ende als richtig herausstellte) und den gängigen Windvorhersageseiten standen uns andere Informationen seitens eines befreundeten Piloten offen. Dieser versorgte uns vor dem Start mit den Daten der beiden am Bodensee ansässigen Flughäfen Friedrichshafen und Altenrhein. Laut jenen Prognosen erwarteten wir ein Einschlafen des Südwindes zum Start sowie einen im Anschluss leicht einsetzenden Südwest mit  8kn, in Schauern auffrischend bis 15kn- also eigentlich unsere Idealbedingungen. Dazu wurde vom deutschen Wetterdienst eine violette Warnstufe für Starkregen ausgegeben.
Vor dem Start wurde der Südwind dann auch langsam weniger und wehte zum Startzeitpunkt noch mit 12kn TWS. Wegen des starken Regens war die Sicht stark eingeschränkt. Wir massen die Startlinie aus, gaben die Waypoints (WP) in die Elektronik ein und entschieden uns dann für einen defensiven Start in der Mitte der Startlinie. Der Rest des Startgruppe 1 Feldes (Mehrrumpfboote, Trapezyachten und Yachten mit modernen Techniken wie Cantingkiel, Wasserballast etc.) kämpfte um die bevorzugte luvseitige Startposition. Diesem Kampf wollten wir uns nicht stellen, da der Windwinkel zum nächsten WP Romanshorn von der Leeseitigen Position der Linie eine bessere Geschwindigkeit zum Ziel versprach und es zudem bei einer Langstrecke am Start keinen Sinn macht, sich auf riskante Zweikämpfe einzulassen.
Wir kamen sehr gut weg und übernahmen mit 18kn SOG von Anfang an die Führung. Ca 10min nach dem Start schlief dann der Südwind wie erwartet komplett ein und die Spitzengruppe schob sich wieder zusammen. Nun profitierten wir von unserer Position Mitte See und bekamen als erstes Boot den aufkommenden Westwind. Nach einigen Segelwechseln von unserem Gennaker, über den Code0 hin zur Fock entfernten wir uns mit guter Geschwindigkeit relativ schnell vom Feld. Da der Wind etwas westlicher als erwartet einsetzte, am deutschen Ufer ohnehin schwächer gemeldet war und die Welle im südlichen Teil des Sees bei dieser Windrichtung kleiner ist, entschlossen wir uns für einen Holeschlag in Richtung Schweiz. Dort sahen wir dann ein Schiff parallel zum Schweizer Ufer mit Südwestwind fahren. Dies war der Ventilo 28 „Skinfit“, der die Flautenzone südlich umfahren konnte. Sein Kurs liess einen Linksdreher in südliche Richtung vermuten. Basierend auf dieser Beobachtung unterwendeten wir ihn, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt die Anlegelinie zur Tonne Romanshorn noch nicht halten konnten. Der Wind nahm nun entgegen unseren Erwartungen kontinuierlich zu und wir mussten auf Höhe Altenrhein das erste (und aufgrund der Maststabilität einzigste) Reff einbinden. Kurze Zeit später hatten wir dann über 20kn und mussten die Fock bergen. Anders als der M32 „ITelligence“ von den Gebrüdern Sach ist unser Boot betreffend des Segeldruckpunktes nicht dafür konstruiert, ohne Vorsegel zu fahren und wir hatten trotz des Liftens des Leeschwertes einen starken Ruderdruck. So verlangsamte sich unsere Geschwindigkeit zunehmend auf für diese Boote sehr geringe 7kn VMG WP. Sowohl der Ventilo mit seinem verhältnismässig kleinem Rigg als auch der M32 konnten ihr Potential bei diesen Bedingungen deutlich besser ausspielen. So wurden wir zuerst von der „Skinfit“ in Luv überlaufen und dann vom M32 in Lee überholt. Zum Glück waren wir unter der Anlegelinie gewendet und konnten so durch Überhöhe einen Grossteil des mittlerweile 30kn starken Windes abfangen. Die Tonne Romanshorn rundeten wir dann als drittes Boot in Sichtweite zu dem M32. Nun folgte ein geschrickter Amwindkurs nach Konstanz von konstant über 20kn SOG. Wir hatten immer noch lediglich das gereffte Grosssegel gesetzt, hatten also mit Ausnahme des Bergens desselben und dem Setzen der Fock keine weitere Möglichkeit mehr die Segelfläche zu verkleinern. Der Wind kam relativ spitz und war sehr böig. Wir hatten noch ein wenig Sicht, sodass wir die Böen ansagen und durch Anluven aussteuern konnten. Das Deck stand nun durch das öftere Eintauchen des Luvrumpfes dauerhaft unter Wasser- nicht gerade angenehm bei 12Grad Wasser- und 10Grad Lufttemperatur. Den Abstand zu der „ITelligence“ konnten wir konstant halten und schlossen zusammen mit ihr auf die „Skinfit“ auf. Der Wind schien sich auch auf Höhe der Tonne Eichhorn nicht zu beruhigen und so spielten wir aufgrund der nun nötigen Kursänderung (das Abfallen und Raumschotssegeln ist bei entsprechenden Bedingungen mit Mehrrumpfbooten wegen der Überschlagsgefahr sehr gefährlich) mit dem Gedanken das Rennen an dieser Stelle zu beenden bzw. das Grosssegel zu bergen. Nach kurzer Abstimmung waren wir uns allerdings einig es versuchen zu wollen. So rissen wir in einem kurzen Moment nach einer durchgezogenen Bö das Ruder herum und nahmen einen deutlich tieferen Kurs (ist ab einem gewissen Windwinkel nicht mehr so gefährlich) als jenen zur Tonne um uns Luvraum zum böenbedingten Anluven zu verschaffen.  Nun war es komplett dunkel und wir orientierten uns an nur noch vereinzelt sichtbaren Uferlichtern und dem Navigationsplotter. Trotz des kleinen Umweges schlossen wir bis Überlingen weiter auf und rundeten zusammen mit den ersten beiden Booten innerhalb 3min die Tonne. Auf dem Weg dorthin erreichten wir Spitzengeschwindigkeiten über 28kn. Dies immer noch lediglich mit gerefftem Grosssegel und dank der C-Foils halb geliftetem Leerumpf! Wir entschieden uns in Anbetracht der Bedingungen für eine Kuhwende anstatt einer Halse. Nach unserer Rundung hatten wir dann kurzzeitig weniger Wind (ca. 8kn TWS) weshalb wir auf unsere direkten Gegner etwas Zeit einbüssten. Der Wind kam nun sehr platt, also setzten wir mit dem Code 0 unser zweitgrösstes Vorsegel. Trotz zunehmender Welle (ca. 1,5m) liefen wir durchgehend mit 22-25kn VMG WP. Die Sicht war nun aufgrund des Regens gleich null, daher hatten wir keine Vorstellung mehr über unsere momentane Platzierung. Zu diesem Zeitpunkt kenterte neben der „Skinfit“ auch der andere noch im Rennen verbliebene Ventilo 28 und Vorjahressieger „Sonnenkönig“. Auf Höhe Kressbronn- die berechnete Ankunftszeit unseres GPS betrug noch 11.20Uhr (um den bisherigen Rekord zu brechen hätte eine Ankunft um 12.10Uhr genügt!)- schlief dann der Wind schlagartig komplett ein und wir hatten senkrechte Regenschauer. Wir refften sofort  aus und wechselten mehrmals zwischen Code 0 und dem Gennaker. Vor Lindau wussten wir einen moderaten Südwind, also galt es schnellstmöglich die Zwischenzone zu durchqueren. Der Wind drehte von Bö zu Bö von Ost auf Nord, dann wieder zurück und dann auf Süd. Wir setzten wieder die Fock und kreuzten das letzte Stück nach Lindau, wo wir um kurz nach halb eins die Ziellinie überquerten.
Alles in allem ein tolles Erlebnis mit einer tollen Crew. Die lange Vorbereitung und unzähligen Materialkontrollen/-Verbesserungen trugen einen Grossteil dazu bei.
Nun geht es zu „Boldor“ an den Genfersee- das „Mekka“ der Binnen- Multihull Szene!

Mit besten seglerischen Grüssen,

Veit Hemmeter

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