Wasserbomben auf die Bayern

Von Korbinian Schöffel

 

Eigentlich hätte es ja eine durchweg ruhige, vollkommen friedliche und rundum entspannte kleine Segelreise werden sollen, frei von Lärm, frei von Stress, und vor allem mit zeitigem Schlafengehen und Aufstehen. Als wir uns am Donnerstag, den 02. August, früh morgens am Club versammelten, sah es tatsächlich noch danach aus – statt einer energiegeladenen Truppe junger Menschen, die sich auf einen sonnigen Segeltag freuten, sah man eine Ansammlung gähnende Münder und verquollene Augen. Nur gut, dass Robby daran gedacht hatte, nicht nur Chips und Landjäger, sondern auch frische Semmeln und Kaffee einzukaufen, ansonsten wären wir wohl erst Stunden später vom Fleck gekommen.

Im sanften Licht der aufgehenden Sonne glitten Bayern II und Allwind nahezu lautlos aus dem Hafen und an der Insel vorbei, wo wir eben noch die Gelegenheit hatten, ein paar scheuen Touristen zu winken, die uns vom Löwen aus mit großen Augen und fest umklammerten Kameras hinterherstarrten, bevor wir uns an die Arbeit machten: Eine eher sanfte, aber stetige Brise ermöglichte es uns, unter vollen Segeln Richtung Konstanz zu starten. Wir machten gute Fahrt, und mit vollem Magen und leiser Musik schien die Idylle perfekt…

… bis plötzlich wie auf Kommando die erste von vielen Wasserbomben auf dem Deck der Allwind zerplatzte. Wir hatten Lindau noch nicht ganz hinter uns gelassen und waren schon in eine Wasserbombenschlacht epischen Ausmaßes verstrickt. Wer bis hierhin noch nicht richtig wach war, wurde es sehr schnell. Hätten die Steuermänner nicht irgendwann entschieden, die Schiffe auf 300 Meter Abstand zueinander zu bringen, hätte die Schlacht noch sehr lange angehalten.

Einige Zeit später war wieder Ruhe auf beiden Schiffen eingekehrt, und es hatte den Anschein, als würden wir in trauter Einigkeit bis nach Konstanz segeln können – aber natürlich war noch nicht ganz die Hälfte der Strecke geschafft, als der Wind beschloss, eine Pause einzulegen. Also hieß es: Motor an, Schleppleine raus, und weiter geht’s. Natürlich flogen direkt weitere Wasserbomben, und als wir den Konstanzer Trichter am Horizont erblickten, war es höchste Zeit für eine Badepause. Sofort stürzten sich die Mannschaften beider Schiffe ins Wasser, um das jeweils andere Schiff zu entern und dessen Vorräte zu plündern. Im Endeffekt vollzog sich ein kompletter Crewtausch, und als wir nach ein bis zwei Stunden schließlich wieder die Plätze tauschten, war jeder fest davon überzeugt, es den anderen gezeigt zu haben. Mit einer neuerlichen Brise konnten wir schließlich in Konstanz anlegen.

Natürlich ging der Spaß hier erst richtig los. Wie immer hatten uns die Mitglieder des Schüler-Segelclubs Konstanz einen ordentlichen Empfang mit Grillfleisch und kühlen Getränken (Cola) bereitet, und als die Musik zu dröhnen anfing, dachte niemand mehr an ein frühes Zubettgehen. Verständlicherweise waren die SSCKler ganz aus dem Häuschen über unseren Besuch – so sehr, dass ein paar nette Polizisten irgendwann schüchtern um etwas weniger Musik baten. Robby hatte uns Lindauer natürlich bestens unter Kontrolle und sorgte dafür, dass jeder irgendwann den Weg in sein Bett fand.

Constantin Hirscher, Christopher Kröss, Korbinian Schöffel, Naomi Dörr, Alexander Unseld , Mark Unseld, Jesper Hogl. Foto Nitsche

Der Freitag empfing uns, man höre und staune, mit Wind, der uns recht zügig aus dem Konstanzer Trichter brachte – leider hörte er am Anfang des Überlinger Sees abrupt auf. Im Wissen, noch einige Stunden nach Überlingen unterwegs zu sein, wurden die Gefechte auf dem Wasser mit unverminderter Härte wieder aufgenommen. Die Mannschaft der Allwind war sogar so erpicht auf einen Triumph, dass nicht jede ihrer Wasserbomben diesen Namen verdiente – die Erfindung der „Gurkenwasserbombe“ brachte den Kampf auf ein neues Level. Unterbrochen wurde er jedoch, als wir ein Stück vor Überlingen erneut Wind bekamen – tatsächlich sogar den besten Wind, den wir auf dieser Segelreise bekommen sollten. Die Bayern II nutze ihn natürlich aus und schoss fröhlich an Überlingen vorbei und weiter den See hinauf, während sich die Allwind unbedingt den Titel „Die Ersten im Hafen“ verdienen musste.

Überlingen war in allen vorangegangenen Jugendsegelreisen stets ein starker Kontrast zu Konstanz gewesen, sozusagen ein sicherer Hafen der Ruhe und des Friedens. Doch wieder wurde aus dem Versprechen auf Entspannung nichts: Nach einem überaus freundlichen Sektempfang und einem leckeren Abendessen im Clubrestaurant stand wie aus dem Nichts ein Großteil der Jugendabteilung des Yachtclubs Überlingen vor uns, und schon war es vorbei mit der Ruhe. Die Überlinger überraschten uns mit der Vorstellung eines neuen „Jugend-Wanderpokals zwischen Überlingen und Lindau“, den sie gleich an diesem Abend durch einen Sieg in einer eher fragwürdigen Sportdisziplin gewannen. Mit den Zähnen knirschend schworen wir ein Comeback im nächsten Jahr.

Nach einigen Überlegungen entschieden wir am Samstag, unsere letzte Nacht quasi vor der Haustür zu verbringen, und machten uns mal mit Segel, mal mit Schleppleine auf den Weg nach Bregenz. Dies hätte nun wirklich ein ruhiger Abschluss werden sollen, aber es kam natürlich anders. Gerade hatten wir uns Nudeln gekocht, als wir überraschend von ein paar Jugendmitgliedern besucht wurden, deren studentische Pflichten sie vom Teilnehmen an der Segelreise abgehalten hatte. Aber die Überraschung war nicht so sehr ihr Auftauchen, sondern mehr das Speedboot, auf dem sie – ruhig und bescheiden, wie Lindauer eben sind – in den Hafen einfuhren und uns auf eine spätabendliche Spritztour mit Musik und Luftkissen-Ritt einluden. Ein wilder Abschluss für eine wilde Reise – wir hatten lange nicht mehr so tief geschlafen wie in dieser Nacht.

Aufräumen auf der ‘Bayern II’. Foto Nitsche

Unsere Segelreise endete am Sonntag mit ein paar schönen Schlägen vor dem Club, bevor wir uns an das Putzen und Aufräumen der Boote sowie an das Verteilen der restlichen Vorräte machten.  Sonnenverbrannt und todmüde, aber glücklich schlossen wir das Ganze mit einem Sprung von der Mole ab. Die Jugendsegelreise ist jedes Jahr ein Highlight, aber dieses Jahr war sie für jeden etwas Besonderes. Unser großer Dank hierfür gilt Robby Nitsche, ohne den die Reise so nie möglich gewesen wäre, dem SSCK, der aus unseren größten Fans besteht, dem Yachtclub Überlingen und dessen Jugend für einen grandiosen Empfang sowie dem Yachtclub Bregenz für die kurzfristige Aufnahme. Außerdem ein Dankeschön an Resi Bach für einen großartigen Abschluss, und zuletzt noch ein Danke an uns selbst und an jeden, der daran mitgewirkt hat, dass diese Segelreise so war, wie sie war – legendär.

 

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